Käthe-Kluth-Nachwuchsgruppe: Politische Integration durch Konflikt?

Die Nachwuchsgruppe: Dr. Rieke Trimcev und Milos Rodatos.

Seit Beginn der Geschichte moderner Demokratien in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist die Demokratie eine politische Ordnungsvariante, die die Bewältigung von Konflikten zu ihrem konstitutiven Prinzip macht. Doch warum und unter welchen Bedingungen sollten politische Konflikte ein Gemeinwesen integrieren? Und wann wirken ihre Fliehkräfte eher destabilisierend? Der gegenwärtige Erfolg populistischer Politiken hat den Antwortdruck auf diese Fragen akut verschärft: Bis zu welchem Maße können demokratische Institutionen die Auseinandersetzung mit an einem Konsens selten interessierten politischen Akteuren auffangen – gerade wenn deren Berufung auf gemeinsame ‚Spielregeln‘ des politischen Streits allzu oft dazu dient, eine Strategie des gut kalkulierten Regelbruchs zu legitimieren?

Die Nachwuchsgruppe

Die Nachwuchsgruppe „Politische Integration durch Konflikt?“ wird sich in unterschiedlichen Teilprojekten mit der Analyse von Konflikten innerhalb demokratischer Ordnungen auseinandersetzen. Die entstehenden Qualifikationsarbeiten bearbeiten Desiderata einer konfliktsensiblen Demokratietheorie unter anderem mit Hilfe folgender Fragestellungen: Kann die Praxis des Dissenses politische Verpflichtungen hervorbringen? Welche institutionellen Antworten kann es auf die populistische Transformation von Repräsentationsbeziehungen geben? Hieran knüpft sich ideengeschichtlich geleitete Auseinandersetzung mit Konfliktsemantiken und -metaphoriken und ihrem Bedeutungswandel an. Ergänzend zu diesen theoretischen und ideengeschichtlichen Perspektiven wird das Integrationspotential von politischen Konflikten auch in qualitativen empirischen Fallstudien untersucht.

Die Nachwuchsgruppe wird von Juni 2019 bis Mai 2022 neben angestrebten Qualifizierungsarbeiten und gemeinsamen Publikationen auch Lehrformate für die Studierenden an der Universität Greifswald anbieten, die die Forschungsinhalte der Arbeit aufgreifen. Daneben sind weitere Veranstaltungen wie Abendvorträge und akademische Workshops geplant. Auf dieser Seite wird die Nachwuchsgruppe regelmäßig über aktuelle Veranstaltungen und Neuigkeiten informieren.

Projektteam

Projektleiterin:
Dr. Rieke Trimcev

Wissenschaftlicher Mitarbeiter:
Milos Rodatos

Studentische Hilfskräfte:
Fabian Fleßner, Julian Fender, Finja-Pauline Schöbel

Projektdauer: 2019-2022
Förderung: Universität Greifswald

Kontakt

Dr. Rieke Trimcev
Institut für Politik- und Kommunikationswissenschaft
Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte
rieke.trimcev@uni-greifswald.de

Teilprojekte der Nachwuchsgruppe
Judith N. Shklars Theorie politischer Verpflichtung

Judith N. Shklars Theorie politischer Verpflichtung

Dr. Rieke Trimcev

Die amerikanische Politiktheoretikerin Judith N. Shklar erfreut sich in den letzten Jahren einer zunehmenden Beliebtheit. Das vorliegende Projekt rekonstruiert ihre liberale Politiktheorie ausgehend von ihren Reflexionen über die Genese und Grenzen politischer Verpflichtungen in Demokratien, die Judith N. Shklar in den Jahren vor ihrem frühen Tod formulierte.
Der Begriff der politischen Verpflichtung verweist auf eine bestimmte Qualität der Beziehung zwischen Individuen und gesetzlichen Regeln. Theorien der politischen Verpflichtung geben Antworten auf die Frage, warum Bürger*innen den Gesetzen eines Landes Folge leisten sollten, und analysieren, unter welchen Bedingungen Ungehorsam zu rechtfertigen ist. In der Geschichte des demokratischen Denkens wurden Akte der expliziten oder stillschweigenden Zustimmung, Dankbarkeit, Grundsätze des fair play oder natürliche Pflichten als verpflichtungsgenerierende Prinzipien vorgeschlagen. All diesen Theorien gemeinsam ist, dass sie wenig Raum für die vielfachen Verbindlichkeitskonflikte lassen, die zeitgenössische pluralistische Gesellschaften kennzeichnen. Judith N. Shklar dagegen macht diese Konflikte zum Ausgangspunkt ihrer Reflexion über die Verpflichtungen, die Bürger*innen in Demokratien an die Gesetze und an ihre Mitmenschen bindet. Die Rekonstruktion und Weiterentwicklung ihrer unvollendeten Theorie politischer Verpflichtungen kann daher eine realistische Demokratietheorie bereichern.

Aktuelle Veröffentlichung:

Rieke Trimcev, Loyalitätskonflikte und politische Verpflichtung, in: Zeitschrift für politische Theorie 9/2 (2018 [2020]), S. 253-267.

Politische Repräsentation in demokratischen und populistischen Diskursen

Politische Repräsentation in demokratischen und populistischen Diskursen

Milos Rodatos, MA

Das Dissertationsvorhaben setzt sich auf politiktheoretischer Ebene mit der Frage auseinander, welche Erkenntnisse für unser Verständnis von politischer Repräsentation aus einer Analyse des Konflikts zwischen populistischen Projekten und dem Status quo westlicher, liberaler Demokratien gewonnen werden können. Ausgangspunkt hierfür ist die Kritik am gegenwärtigen Mainstream der Populismusforschung, der Populismus vordergründig als eine sogenannte dünne Ideologie versteht, die durch den gesellschaftliche Antagonismus zwischen 'korrupter Elite' und 'wahrem Volk' geprägt ist. Eine solche Perspektive, so die These, lädt den im Populismus inhärenten Konflikt unnötigerweise moralistisch auf und versperrt damit eine produktive Analyse. Auch die jüngere Repräsentationsforschung nach dem constructvist turn hebt hervor, dass die in populistischen Diskursen wirkenden Repräsentationsbeziehungen nicht als bloße fixierte moralische Konflikte verstanden werden können. Im Zentrum des Dissertationsvorhabens wird deshalb das Ziel einer zusammenführenden Analyse von Populismus- und Repräsentationsforschung verfolgt, um zu prüfen, wie ein modifiziertes Verständnis von politischer Repräsentation dazu beitragen kann, die Spannungen zwischen populistischer Mobilsierung und liberal-demokratischer institutioneller Ordnung produktiv zu wenden.

Aktuelle Veröffentlichung:

Milos Rodatos und Rieke Trimcev: Die demokratische Repräsentation des agon. Erkundungen mit Jacques Rancière und Ernesto Laclau, in: Manon Westphal (Hrsg.): Agonale Demokratie und Staat, Baden-Baden: Nomos (im Erscheinen).

Europavorstellungen in europäischen Erinnerungsdiskursen

Europavorstellungen in europäischen Erinnerungsdiskursen

Dr. Rieke Trimcev

In Kooperation mit Dr. Gregor Feindt (Institut für Europäische Geschichte, Mainz), Dr. Félix Krawatzek (Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien, Berlin), Dr. Friedemann Pestel (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg).

Die derzeitige Krise der EU hat Vorstellungen von „Europa“ grundlegend in Frage gestellt. Was Gesellschaft, Politik und Wissenschaft von Europa erwarten, hat sich mit der Flüchtlingskrise, der anhaltenden wirtschaftlichen und finanziellen Instabilität, dem Brexit und aufkommendem Populismus drastisch verschoben. Es ist jedoch wenig darüber bekannt, was „Europa“ im Laufe der Zeit zwischen verschiedenen Akteuren innerhalb und zwischen europäischen Ländern bedeutet hat. Dieses Forschungsprojekt untersucht Europavorstellungen anhand der vielschichtigen Diskurse über „europäische Erinnerung“, die das europäische Integrationsprojekt seit den 1990er Jahren untermauern. Derartige Debatten stellen einen wichtigen normativen Hintergrund für die politische und wirtschaftliche Integration dar. Auch heutige Aussagen über die Zukunft Europas, Krisendiagnosen sowie Forderungen zur weiteren Entwicklung verwenden vielfach konkurrierende und manchmal widersprüchliche Bilder einer europäischen Vergangenheit.
Das Projekt verwendet unterschiedliche Methoden der qualitativen und quantitativen Diskursanalyse, um die Europäisierung nationaler Erinnerungsdiskurse – und ihre Infragestellung – in den letzten zehn Jahren systematisch zu analysieren. Als zentrale Fallstudien dienen sechs große europäische Länder (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Polen und das Vereinigte Königreich). Forschungsleitende Fragen sind wie folgt:

  • Welche historischen Erfahrungen werden in Europavorstellungen mobilisiert?

  • Welche politischen Forderungen artikulieren Akteure in Zusammenhang mit Europavorstellungen?

  • Welche Logiken der Öffentlichkeit manifestieren sich in Diskursen zu „europäischer Erinnerung“?

  • Welche Europabilder entstehen jenseits normativer Europavorstellungen bei einer Analyse polyphoner Erinnerungsdiskurse?

Aktuelle Veröffentlichung:

Rieke Trimcev, Gregor Feindt, Félix Krawatzek, Friedemann Pestel: Europe’s Europes, Mapping the Conflicts of European Memory, in: Journal of Political Ideologies 25/1 (2020), S. 51-77.

Die Politik des 'agon' - Geschichte und Gegenwart einer politiktheoretischen Metapher

Die Politik des 'agon' - Geschichte und Gegenwart einer politiktheoretischen Metapher

Dr. Rieke Trimcev

Metaphern prägen das menschliche Nachdenken über Politik, indem sie einige Argumente als besonders plausibel nahelegen, andere hingegen in den Hintergrund der Aufmerksamkeit rücken. Dabei sind politische Metaphern selbst dem historischen Wandel unterworfen. Nicht nur die Auswahl der Begriffe, die als Metaphern dienen, verändert sich über die Zeit. Relativ zum verfügbaren Alltagswissen verändert sich auch der Raum dessen, was mit jeder von ihnen jeweils über Politik ausgesagt werden kann.

Im 20. Jahrhundert steigt eine Metapher in besonderer Weise zu einer Leitfigur der theoretischen Reflexion von Politik auf: die Metapher des Spiels, die als Metapher des agonalen Wettstreits das Verständnis von demokratischen Konflikten verändert. In einer Analogie zum menschlichen Spiel stellen viele Theoretiker*innen fest, dass die „Spielregeln“ dem demokratischen Streit nicht vorangehen, sondern in der Austragung von Konflikten erst entstehen. In der Regelbefolgung können die Regeln allerdings auch kontinuierlich verändert werden – für die einen ein emanzipatorisches Versprechen, für die anderen eine bedenkliche Gefährdung politscher Stabilität. Das Forschungsprojekt untersucht die Geschichte dieser politischen Metapher und fragt, welche Potentiale und welche blinden Flecken sie für die zeitgenössische Diskussion um die sogenannte agonale Demokratietheorie mitbringt.

Aktuelle Veröffentlichungen:

  • Rieke Trimcev, Regelveränderung durch Regelbefolgung. Das Spiel als politische Metapher für dynamische Stabilisierung, in: Eva-Marlene Hausteiner, Grit Straßenberger und Felix Wassermann (Hrsg.): Politische Stabilität, Leviathan Sonderheft (im Erscheinen).

  • Rieke Trimcev, Politik als Spiel. Zur Geschichte einer Kontingenzmetapher im politischen Denken des 20. Jahrhunderts, Baden-Baden: Nomos 2018.